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Historische

Reitkleidung

für Damen

 

Eine Modegeschichte

des Damensattels

 

         

 

Diese Seite enthält eine ausführliche Beschreibung historischer Kleidung und Ausstattung der Dame zu Pferde während der letzten Jahrhunderte.

Beispiele für Rekonstruktionen finden sich hier.

Eine Plauderei über die Taille und das Korsett (aus Sicht einer Dame von 1904) findet sich hier.

Bevor man als Seitsattelreiterin darangeht, ein historisches Kostüm für sich und den vierbeinigen Partner in Angriff zu nehmen, sollte man sich über die Ambitionen klar werden, die sich damit verbinden:
Soll es zum Gebrauch auf einer „Costume Class“ eingesetzt werden? Dann muß ich damit rechnen, mich den gestrengen Blicken noch gestrengeren Richterinnen auszusetzen, die bis auf den letzten Knopf die Kleidung in Augenschein nehmen und nach Abweichungen fahnden. Geschummeltes wird mit Argusaugen aufgespürt – auch Details, und nicht nur ein so kolossaler Fauxpas wie ein noch so gut versteckter Reißverschluß!

 

Oder möchte ich einfach „nur“ endlich mal schöner aussehen als im Einheits-Schwarz-Weiß?

Auch dann sollte ich mir im Klaren sein, dass ein langer, flatternder Rock und eine schicke Korsage nebst breitkrempigem beschleiertem Hut nicht automatisch ein Synonym für ein historisches Kostüm sind sondern eher der geradeste Weg in die Romantik-Falle.

Oder möchte ich das ausnutzen, was uns gerade der Damensattel in der Reiterei bietet – den Bezug zur Vergangenheit, zur Geschichte der Reiterei, zur Geschichte der Frau im Sattel?

Dann sollte ich das nutzen, was mir diese reichhaltige Geschichte biete, und mich mit den verschiedenen Epochen auseinandersetzen, bevor ich mich so einkleide, wie es zum Pferd und mir passt.

 

Alle letztgenannten Gründe können mit kleinen Ungenauigkeiten im Detail existieren, keine Frage. Aber trotzdem sollten wir uns doch bemühen, grobe Schnitzer zu vermeiden, indem wir uns vorher ernsthaft mit diesem Projekt auseinandersetzen statt fröhlich und unbefangen im Brautkleid aufs Pferd zu klettern, das Ganze „Sissi“ zu nennen und trotz vielleicht auch noch so guter Reitkunst das Damensattelreiten in die Ecke der süßlich verklärten Hollywoodstreifen der 50er Jahre zu stellen.

 

Dort war es durch alle Jahrhunderte nie – und das sollten wir ihm auch nicht antun!

 

Ein paar Gedanken um Grundsätzliches, die man sich machen sollte, bevor man sich für ein Kostüm entscheidet:

 

Was war es denn, das Reiten im Seitsitz?

Es war Notwendigkeit – bei den schlechten Straßen z.B. des Mittelalters oder der Renaissance war ein Fortkommen in den zudem ziemlich ungefederten Wagen fast unmöglich, also musste man, so man einen hinreichend großen Vierbeiner zur Verfügung hatte, auf dessen Rücken sitzen.

Schon in dieser Epoche, aber insbesondere in späteren Jahrhunderten war es Renommieren auf bestens ausgebildeten, oft sehr wertvollen Pferden.

Und nach dem Umbruch der Französischen Revolution (also in „dem“ Damensattel- Jahrhundert, dem 19. Jhdt.) war es sportliche Betätigung, Ausbruch aus den biedermeierlichen Normen, das englische „zurück zur Natur“ mit Ausritten, Jagden und dem Beginn der Sportreiterei. Gleichzeitig wurde das Renommieren zur „Promenadenreiterei“, also einem gesellschaftlichen Ereignis, bei dem Schick und Schau im Vordergrund standen.

 

Wer ritt im Seitsitz?

Wenn wir die Bauersfrau ausklammern, die im Quersitz auf dem behäbigen Rücken ihres Ackerpferdes zum Markt reitet, den Hühnerkorb hinter sich und den Sack mit Kohlköpfen auf der anderen Seite, so waren es durchweg die gehobenen Schichten, in denen die Frauen ritten.

Reittiere waren in der Regel eher eine kostspielige Angelegenheit, demnach konnte es sich auch nur ein gut betuchter Herr leisten, seiner Frau ein solches zur Verfügung zu stellen. Folgerichtig wird also in den vorrevolutionären Jahrhunderten generell eher eine adlige Dame dargestellt werden, mit entsprechend teurer, kostbarer und aufwändiger Ausstattung – Reiten war ja in vielen Fällen gleich Renommieren – und so sah man auch aus.

Im 19. Jahrhundert, in dem die bürgerliche Schicht tonangebend wurde, wurde das Reiten demokratisiert – nun ritt auch „Lieschen Müller“, zumindest wenn der Papa oder der Gatte genügend Kleingeld übrig hatten. Wir werden sehen, dass das auf viele Aspekte Auswirkungen hatte.

Wer übrigens definitiv nie geritten ist, ist Xena the Warrior Princess, Elbenköniginnen oder Southern Belle, die Ballkönigin von New Orleans 1765.

 

Worauf ritt man?

Wenn wir unser Projekt wirklich historisch betreiben wollen, müssen wir uns auch vorher mit unserem Pferdepartner beschäftigen.

Generell gilt: an ausgewiesene Damenpferde wurden immer besondere Ansprüche gestellt; sie hatten in der Regel eine hohe Qualität aufzuweisen. Hierzu ein historisches Zitat, das mit ziemlicher Sicherheit nicht nur 1881 Gültigkeit hatte:

„Sie müssen eine auffallende Figur, eine stolze Haltung, einen tadellosen Kopf, Hals und Schweif haben. Sie müssen tadellos erzogen sein und Schneidt zum Gehen besitzen. Sie müssen aussehen wie wilde Tiger, aber ein Gemüth haben wie die zahmsten Tauben und wenn sie auch die Knie heben bis an die Gebisse und über den Boden dahinfliegen, dass die schönen Mähnen flattern, dürfen sie doch nicht ein Gramm Gewicht in die Zügel legen.“

(Heydebrandt, 1881)

Welche Rassen sind denn nun fürs historische Reiten brauchbar?

Am leichtesten haben es die Besitzerinnen iberischer Pferde oder von Vollblutarabern und Berbern . Diese Pferde waren eigentlich durchweg durch alle Epochen immer beliebt und begehrt, wegen ihrer Leichtrittigkeit besonders als Damenpferde geeignet und wegen ihrer Schönheit (und ihres Preises) auch wunderbar als Renommierobjekte einsetzbar. Lediglich nach der Französischen Revolution geht es den Iberern an den Kragen, und sie werden verdrängt durch die fürs Jagdreiten so viel geeigneteren Pferde im Typ des Englischen Vollblüters, oder der zumeist aus den Wagenpferderassen entwickelten rahmigeren Springpferde und Hunter.

 

Diese typischen Pferde des 19. Jahrhunderts haben den modernen Warmblütertyp geprägt, so dass streng genommen ein solcher großrahmiger, schwungstarker Hannoveraner oder Holsteiner, sowie ein Englischer Vollblüter nur angemessen mit einem Kostüm dieser Epoche vorgestellt werden dürfte – das wäre aber natürlich gar zu schade! Feinere Warmblüter im Trakehnertyp gab es eigentlich ebenfalls schon recht lang, zudem muß man sich vor Augen halten, dass natürlich auch in vergangenen Jahrhunderten geritten wurde, was da war, und nicht jeder Landadlige das Geld für einen teuren Import aus Südeuropa oder Nordafrika hatte, sondern auf die vorhandenen Landschläge zurückgreifen mußte. Insofern geht ein (nicht zu großer) Warmblüter immer, er wird auch von heutigen Augen ohnehin am ehesten als „neutraler Hintergrund“ empfunden.

 

Die sogenannten „Barockpferde“ , als da wären Kladruber, Knabstrupper, Lipizzaner und Verwandte sind für Darstellungen ab der Renaissance wunderbar geeignet, auch sie verschwanden aber am Ende des 18. Jahrhunderts als „unmodern“. Spätreif, geritten nach langer, teurer Ausbildungszeit als hochausgebildete Dressurspezialisten, ohne raumgreifende Gänge und Galoppade, sowie ohne besonders ausgeprägtes Sprungvermögen, passten sie nicht mehr in die neue, schnellebige Zeit und die im Tempo erheblich erhöhten Jagden zu Pferde. Auf einem solchen Pferd im Gründerzeitkostüm zu reiten, erfordert die Erfindung zumindest einer sehr exzentrischen englischen Countess als dargestellte Figur…

 

Friesen sind – leiderleider – keine Barockpferde, auch wenn sie gerne mal barocke Formen aufweisen. Dieser Typ Pferd taucht als männergerittenes Schlacht- und Kriegspferd in Mittelalter und Renaissance auf, und wurde, als keiner diese großen, wenig wendigen Tiere mehr brauchte, bereits in barocker Zeit als beeindruckender Karossier weiter eingesetzt. Der lange, eher weiche Rücken und die hohe natürliche Aufrichtung zeugen von dieser Vergangenheit – eigentlich war der Friese über Jahrhunderte kein Reiterträger und wird ja auch erst seit seiner Wiederentdeckung im 20. Jahrhundert wieder geritten.

Trotzdem ist natürlich gerade diese Rasse aufgrund ihrer Schönheit, der erwünschten „barocken“ Knieaktion und Aufrichtung und ihres gutmütigen, nicht zu feurigen Charakters als eine der häufigsten auf Shows und historischen Veranstaltungen unterm Damensattel zu sehen. Ein Anachronismus zwar, aber ein wunderschöner.

 

Wunderbar für den Damensattel in allen Epochen geeignet sind alle Arten von feinen, eleganten Ponies – so sie mit der Größe ihrer Reiterinnen nicht zu sehr kollidieren, immerhin setzt einen der Damensattel ja noch ein Stückchen höher „übers“ Pferd. Kurze quadratische Pferdchen wie Dülmener oder Camarguepferde sind ideal, und auch die Haflinger entsprechen – obwohl als Rasse relativ jung- absolut dem begehrten isabellfarbenen Pferdchen, das als Damenpferd auf vielen Darstellungen seit dem Mittelalter und der Renaissance zu sehen ist. Zudem sind solche Pferde auch vom Gebäude oft sehr gut für hochversammelnde barocke Lektionen geeignet, was sie auch noch vom Reiterlichen für historische Darstellungen empfiehlt. Isabellen verschwinden im Rokoko übrigens aus den bildlichen Darstellungen, deshalb ist ein solches Kostüm für sie nicht zu empfehlen.

Wer mit sehr ursprünglichen und regionalen Pony- bzw. Kleinpferdrassen beritten ist (wie Norweger oder Isländer ), sollte sich allerdings überlegen, ob er nicht wirklich regionale Trachten des Ursprungslandes aufspürt und mit diesen reitet.

 

Und dann wären da noch die Reittiere, die typisch sind für Mittelalter und Renaissance: Maultiere, Maulesel und Esel . Sie waren, zumindest als Reittiere der gehobenen Schichten, äußerst kostbar gezogen und hoch im Blut stehend und unterschieden sich demnach ganz erheblich von ihren braven heutigen Verwandten, die trittsicher in der Schweizer Armee mit zentnerweise Ausrüstungsgegenständen übers Hochgebirge kraxeln. Weiße Maultiere waren begehrte Reittiere für den hohen Klerus, und sie galten als mindestens ebenso „fein“ wie ihre equiden Verwandten.

 

Generell gilt allerdings für die Pferdewahl: historisch korrekt ist wunderschön, aber den modernen Anforderungen an körperbauliche und tiermedizinische Notwendigkeiten müssen wir heutzutage schon eindeutig Rechnung tragen. Gerade die historisch so beliebten kurzrückigen Iberer und Araber, oder auch die Ponies im historischen „Frauenpferdchenformat“ bringen oftmals keine ausreichende Rückenlänge mit, um den heute oft recht langen Damensattel auch gesundheitserhaltend auf ihrer Brustwirbelsäule verstauen zu können. Frauen sind heute durchaus mal bis zu 20 cm größer als zur Zeit des Barock – was sich natürlich auch auf die Beinlänge und damit die notwendige Länge des Sattels auswirkt. Reiterinnen kurzer Pferde haben aber dann natürlich nicht nur Schwierigkeiten beim historischen Reiten, sondern mit dem Damensattel generell. Wer also noch vor der Anschaffung eines Damensattel-Pferdes steht und selber größer als ein handelsüblicher Hydrant ist, sollte sich darüber im Klaren sein. Selbst wenn ein 1,50m PRE seine 1,80m-Reiterin im Dressursattel vielleicht Kraft seiner königlichen Macho-Ausstrahlung locker abdeckt, wird er es nicht mehr können, wenn sie ihm mit dem Seitsattel auf den Lendenwirbeln hängt.

 

Welche Kleidung trug eine Dame beim Reiten?
Schon wenn man einmal kurz ernsthaft über diese Frage nachdenkt, lässt sich die Antwort vielleicht erraten: auf alle Fälle KEIN Ballkleid.

Getragen wurde, was der Gelegenheit entsprach: also Reisekleidung, Jagdkleidung oder sogar eigens Reitkleidung. Sie war in den allermeisten Fällen hochgeschlossen und schützte ihre Trägerin vor der Witterung, und insbesondere gegen Sonneneinstrahlung und sie war ab der Spätrenaissance meist eine Kopie oder Interpretation der gleichartigen Herrenkleidung.

Die Stoffe waren schwerer, robuster und haltbarer und die Farben zurückhaltender als bei ihren Schwestern, den Ball- und Hofroben.

Keine Regel ohne Ausnahme: beispielsweise gibt es im Spätmittelalter und insbesondere in der Renaissance und im Barock bei den Staatsporträts kostbarste Brokate zu sehen – allerdings gegen den Pferdemüff geschützt durch gigantische Schabracken.

Zweites Beispiel: im Spätempire/frühen Biedermeier wurden die supermodischen leichten, weißen Chemisenkleider auch auf dem Pferd getragen, den Rock gegen das Aufflattern mittels eines Riemens um die (beide!) Oberschenkel gegürtet – dazu ein riesiger Strohschutenhut – allerdings nur von völlig verwegenen Modedämchen, und auch nicht allzu lang…

In jeder Epoche war aber den Frauen ganz offenbar eins klar: man sah sie an. Wurde in den Jahrhunderten vor dem Rokoko eher mit der Pracht der Kleidung geglänzt, so kokettierte man spätestens ab dann mit der extremen Verweiblichung eigentlich männlicher Kleidung. Insbesondere in der Mitte des 19. Jahrhunderts (der „Romantik“) wurde ganz bewusst der atemberaubende Gegensatz hervorgehoben zwischen zarter Taille und dem kraftvollen, großen Pferd, das mit dem bauschigen, überlangen Rock zu einer kompakten Silhouette verschmolz, die die Zerbrechlichkeit der Reiterin noch weiter hervorhob. In den späteren Jahren wurde dann statt Romantik die Eleganz wichtiger, aber immer bleibt das Leitmotiv die zierliche Taille/schmale Erscheinung der Reiterin, die im Gegensatz steht zum großen, starken Tier. Und mal ehrlich - was könnte denn auch typisch weiblicher in der Erscheinung sein? (Und - sorry, Frau Schwarzer- anziehender auf männliche Blicke?)

 

Gibt's eine Epoche, in der ich den Rock über die Kruppe des Pferdes ausbreiten darf?

Nein. Zumindest nicht im Seitsitz.

Selbstverständlich sind immer wieder Darstellungen (besonders Staatsgemälde aus Renaissance und Barock) zu sehen, auf denen Röcke so liegen, aber Vorsicht! - das sind Schleppen von Kleidern, deren Trägerin im Spreizsitz reitet.

Z.B. ganz interessant bei Velazquez' lebensgroßen Darstellungen zweier Königinnen aus dem Jahre 1635: Isabella von Bourbon und Margarita di Austria. Beide tragen Kleider, die (durch Mega-Schabracken geschützt) keine vordere Rockkante erkennen lassen, sondern die im Bogen verlaufen – ein eindeutiges Zeichen für einen übers Pferd statt unter den Reiterinnenpopo gelegten Rock

Isabella sitzt dabei absolut eindeutig im Spreizsitz, schon allein angesichts des hochaufragenden Sattelknaufes. Bei Margarita dagegen könnte man mit reichlich gutem Willen sogar einen Seitsattel vermuten, da ihr linksseitiges Knie doch recht hoch liegt – aber dann würde sie, für ihre Epoche, wunderbar „modern“ ausgerichtet und wohlbalanciert sitzen – angesichts barocker Seitsättel und Korsette bleibt das bleibt eher Spekulation. Beide Gemälde hängen übrigens im Prado, Anschauen lohnt sich!

        

 

Gab es eine Epoche ohne Kopfbedeckungen?

Ebenfalls: Nein. Zumindest, wenn ich keine Darstellung einer mittealterlichen Hübschlerin plane. Eine Dame hatte immer und zu allen Zeiten außer Haus eine Kopfbedeckung auf, und eine adlige Dame erst recht. Und daran rüttelte auch die Französische Revolution nicht ein bisschen: auch eine moderne bürgerliche Dame saß im 19. Jahrhundert niemals unbehütet und mit flatterndem Haupthaar zu Pferd.

 

Gab es eine Epoche ohne Korsette?

Nochmals: Nein. Leider. Und das ist sicherlich der einzige Anachronismus, den wir als moderne Damensattelreiterinnen uns leisten dürfen und sogar müssen. Das Reiten mit Korsett ist auch schon in den historischen Epochen als gefährlich angesehen worden; und die schönste Taille rechtfertigt es nicht, sich in der Beweglichkeit und im Aktionsradius einzuschränken. Unsere Pferde sind heute nicht mehr unbedingt immer vergleichbar mit dem lammfrommen, extrem zuverlässigen Damenpferd, das der Stallmeister früher seiner Herrin vorbereitete und unter den Hintern gab. So sehr ein Korsett beim wirklich historisch getreuen Rokoko- Hofkleid oder bei der Krinolinen-Ballrobe unabdingbar ist für die Formgebung, so wenig hat es bei der Darstellung einer historischen Reiterin zu suchen. Zudem haben wir heute ohnehin durch unsere meist sportlichen Figuren einen echten Vorteil den eher untrainierten Damen vergangener Zeiten gegenüber, und wenn's am Körperäquator doch Nachbesserungsbedarf gibt, so wirkt ein elastisches Mieder hier Wunder.

 

Lieblingsepoche schon gefunden? Oder zumindest eine einigermaßen passende? Dann geht's hier weiter zur kurzen

Übersicht über die verschiedenen Epochen:

Zu jeder könnte leicht ein abendfüllender Vortrag gehalten werden; tiefer gehende Einzelheiten müssen immer jeweils per Recherche oder mit der beauftragten Schneiderin geklärt werden, wenn man sich für einen bestimmten Zeithorizont entschieden hat.

Hier noch ein Tipp:

Sinnvoll ist es, diesen Wunschzeitraum sogar bis auf ein, zwei Jahrzehnte einzugrenzen – und am allerbesten ist es sogar, ein fiktives Alter Ego zu basteln und anhand dieser Person Gewand und Ausstattung zusammenzutragen, dann ist nämlich alles wirklich aus einem Guss. Eine erfundene oder reale historische Persönlichkeit als Vorbild für die eigene Ausstattung an seiner Seite zu haben, bringt so ein Projekt erstaunlicherweise sehr schnell weiter in Richtung großer Authentizität. Und versprochen: lustig ist es auch!

 

Mittelalter (Hochmittelalter und Gotik: ca. 12. - 15. Jhdt):

Getragen wurde, was dem Anlaß entsprach, wobei offenbar wenig Unterschied gemacht wurde, ob man diese Tätigkeit zu Fuß oder zu Pferde ausführte. Eine wirkliche Reitkleidung ist für das Mittelalter nicht überliefert; es wurde zu prunkvollen Gelegenheiten (und dazu zählte die höfische Jagd ebenfalls) sogar die kostbare Hoftracht getragen. Wer einmal mit lang herabhängenden gezattelten Ärmeln eines burgundischen Adelskleides und einer zugehörigen elaborierten Haube auf dem Pferd gesessen hat, wird erahnen, dass das unzerzauste Ankommen eine ganz schöne Herausforderung für die Reiterin gewesen sein mag – oder aber, dass der Fantasie der Illuminatoren wenig Grenzen gesetzt waren, das lässt sich heute nicht mehr sicher ermitteln.

In jedem Fall gibt es für die Darstellung insbesondere spätmittelalterlicher Damenkleidung genügend Quellen zur Recherche, um sie angemessen darstellen zu können. In den Farben sollte man sich am mittelalterlichen Kodex orientieren, der zum Beispiel fahlgelb sowohl per Verordnung den Hübschlerinnen zuwies, als auch später diffamierend den Juden. Rosa war (wider Erwarten) eindeutig eine gerne getragene Farbe, und ansonsten fast jede andere Farbe auch. Je leuchtender und tiefer der Ton, desto wertvoller und kostbarer der Stoff. Beispielsweise trugen Bauern neben Braun und Grau auch Stoffe aus fahlem Blau (gefärbt mit dem billigen heimischen Färberwaid), während der Adel sich die teuren königsblauen Indigo-gefärbten Textilien leisten konnten. Einleuchtend, dass alle Pastelle demnach unbeliebt waren, sahen die doch „billig“ aus.

Violett war übrigens weitgehend dem Klerus vorbehalten; und auch ansonsten gab's mehr Kleiderordnungen als Untertanen, die sie befolgten. Bereits die schiere Vielzahl dieser Dekrete lässt erahnen, dass man (und frau) es mit ihnen recht lässig nahm – sonst hätte man nicht immer wieder neue Verordnungen konzipieren müssen.

Modefalle: Schnürungen sind für Mittelalterkleider NICHT typisch; eigentlich wurden zumeist kleine Kugelknöpfe oder Haken und Augen als Verschlüsse benutzt. Schnürungen sieht man vermehrt in einer frühen Teilepoche (vor der Erfindung körpernaher Schnitttechniken), um Kleidung an den Körper anzulegen, danach aber nicht mehr sehr häufig außer in der Kleidung unterer Schichten und auf Ritterturnieren des 20. Jahrhunderts.

 

Renaissance (ca. Mitte 15. und das gesamte 16. Jahrhundert)

Es gibt kaum eine inhomogenere Zeit in der Mode als die Renaissance:

während in Frankreich noch die prächtige und üppige spätmittelalterliche burgundische Mode blühte, gab es in Italien bereits die von der Antike beeinflussten leichten, schmalen Frührenaissancekleider. Während in der Hochrenaissance in Spanien und den von ihnen beeinflussten Niederlanden die strenge, steife, zeremonielle schwarze „spanische Mode“ vorherrschte, trug man in Deutschland farbenfrohe, regional geprägte, prächtige und üppige Kleidung. In England kamen die ebenso üppige, aber in den Formen und Details deutlich andere „Tudormode“ auf, die ihre höchste Prachtentfaltung in der Elisabethanischen Zeit erfuhr. Nichts war zu kostbar, um es zu Kleidung zu verarbeiten oder an der Kleidung zu tragen; Goldbrokate, Samte, Seiden, Pelze, verschwenderische Ausstattung mit edelsteinbesetzten Schmuckstücken, all das finden wir auf Gemälden von Cranach, Holbein oder ihren Zeitgenossen, fortgesetzt in den frühbarocken spanischen Staatsporträts etwa eines Velazquez.

Wie weiter oben schon anklang: Damen zu Pferde auf Staatsporträts geben nicht unbedingt ein repräsentatives Bild aller reitenden Damen dieser Zeit wieder, sie sind aber natürlich bildlich sehr gut belegt, und sie geben auch auf heutigen Veranstaltungen mindestens ein genauso beeindruckendes Bild ab, wie es auch bei der damaligen Inszenierung geplant war.

Ob es zur Zeit der Renaissance schon eigene Reitkleidung für Damen gab, ist bei den Experten strittig. Zumindest übernimmt die Outdoor- und Jagdkleidung Elemente der Herrenkleidung (ausgehend von „Jagdhütchen“, die zunächst einmal das Kleid zum Jagdkleid aufpeppten), so dass im Verlauf dieser Epoche erstmals eine Jacke (Wams)-Rock-Kombination zum Reiten genutzt wird. Eine Kombination, die allerdings auch ganz normal als Frauenkleidung getragen wurde, also noch kein Beweis dafür ist, dass diese maskuline Variante eines Kleides eine eigene Reitkleidmode darstellt.

Es ist also auch durchaus möglich, ein historisches Renaissancegewand zu entwerfen, in dem man mehr Bewegungsfreiheit hat als in der großen Prachtrobe, und für das man nicht die nächstgelegene Filiale der Bank of Scotland überfallen muß.

Modefalle: Bei der Kopie eines Staatskleides erhält man die hinreißende Wirkung leider nur, wenn man sich an dieselben Regeln hält, wie das die Renaissancefürsten getan hatten: schwere, teure Materialien und verschwenderische Fülle an Dekoration. Weniger ist hier nicht mehr, sondern eben nur zu wenig. Das macht ein solches Renaissance- oder Frühbarockkleid zu einer der kostspieligsten Arten, historisch im Seitsattel zu sitzen.

 

Barock und Rokoko

Diese beiden Epochen werden gerne mal untereinander gemischt, sie gehen auch durchaus fließend ineinander über, aber gerade deshalb ist Vorsicht geboten! Man sollte tunlichst vermeiden, Kleidungselemente, die fast hundert Jahre auseinander liegen, an eine einzige Reiterin zu packen. Vieles, was heutzutage als „Barockkostüm“ durch die Lande reitet, hätte bei einer Dame dieser Epoche sicher zu hysterischen Kicheranfällen geführt.

 

Dröseln wir erst einmal die Definitionen auf: Das Barock teilt sich in drei große Bereiche, von denen wir im Folgenden das normalerweise reiterlich selten dargestellte Frühbarock mal außen vorlassen (Zeit ab 1600 bis ca. 1680, zur modetechnischen Orientierung: bis in die 1630er Jahre eher der Spätrenaissance zugehörig (s.o.), sind die Jahre zwischen 1640 und 1680 grob gesagt die Zeit der Mühlsteinkragen und Musketiers). Bleiben noch zwei Teilepochen, die erstaunlich logischerweise Hoch- und Spätbarock heißen.

 

Betrachten wir zunächst einmal das Hochbarock , die Zeit des Sonnenkönigs Ludwig des XIV., bis in die 1720er Jahre. Die Jacken („Justaucorps“) und darunterliegenden Westen der Herren sind lang und oft noch sehr militärisch aussehend (vom Militärrock leiten sie sich nämlich ab), mit riesigen Ärmelaufschlägen und verschwenderischem Gold- oder Silbertressenbesatz oder ebensolcher Gold- und Silberstickerei. Die Farben sind kräftig leuchtend oder dunkel, auch mal cremefarben, auf alle Fälle aber klar und nicht pastellig. Und da die Reit- und Jagdkleidung der Damen sich seit der Spätrenaissance ja an der Herrenkleidung orientiert, sieht die adlige reitende Madame auch genau so aus: Justaucorps, Weste, bodenlanger Rock ohne Schleppe. Die Materialien sind jagdtauglich, haltbar und schwer, die Farben leuchtend, das Ganze ist prächtig und praktisch. Was auch bedeutet: Spitzen kommen nicht vor, zumindest nicht an den Ärmeln! Spitzen waren so exorbitant teuer, dass sie der Darstellung des Reichtums dienten und als Schmuck Diamanten ersetzen konnten, und die wurden definitiv nicht auf dem Pferd verheizt - allenfalls die Halsbinde trug Spitzenabschlüsse. Ein veritabler, nicht zu kleiner Dreispitz gehörte natürlich auch dazu; eine Dame saß auch im Barock nur ohne Hut zu Pferd, wenn ihr der beim wilden Galopp heruntergeweht wurde (zumindest sagt das die Überlieferung – wer sich die unsicheren Sättel des Hochbarock ansieht, kann den Mut der Damen ermessen, die ihn wirklich zum wilden Galoppieren nutzten - oder den fragwürdigen Wahrheitsgehalt der Überlieferung).

Modefalle: im Hocharock gibt's keine Spitzenjabots, sondern lediglich Halsbinden. Das ist ein langer Streifen aus feinstem Leinen, um den Kragen gewickelt wurde, und dessen Enden aus Spitze bestehen konnten. Besonders schick war's, wenn sie lässig („al la Steinkerke“) um den Hals geschlungen und eventuell am Ende noch durch ein Knopfloch gezogen wurde.

 

An das Hochbarock schließt sich das Spätbarock , bzw. genauer das Rokoko an, das fast das gesamte 18. Jahrhundert einnimmt und bis zur Französischen Revolution 1789 andauert. Es ist reiterlich besonders bedeutend, da genau hier François Robichon de la Guérinière lehrte (bis zu seinem Tode 1751), auf den sowohl jeder Barockreiter als auch mittelbar die gesamte Reitertradition der FN zurückgreift.

Im Verlauf dieser sieben Jahrzehnte entwickelt sich eine heitere, leichte Lebensart, die sich auch in der Mode niederschlägt. Die Gesellschafts-/ Hofkleidung wird pastellfarben, mit vielerlei bunten Seidenstickereien. Wir sehen Spitze in Hülle und Fülle, gepuderte, aber auch viele ungepuderte Perücken, Francaisenkleider mit ihren exaltierten querovalen Reifröcken und den hinreißend derangiert „flatternden“ Watteau-Falten-Rücken oder kurze „Polonaisen“, die (wie aufregend!) die Knöchel sehen ließen, und die das wiedergaben, was man sich im eleganten, höfischen Frankreich unter der Kleidung einer polnischen Schäferin vorstellte. Die Dekolletés sind größer denn je, und die vorn flachen Korsette drücken alles, was ihre Trägerin so zu bieten hat, in schönster Kugelform in diese Schaufensterauslage hinein. Herrlich – damit lässt sich doch auch für eine Damensattelkür ordentlich Furore machen!

Doch – sind die frivolen Rokoko-Dämchen frivol genug, um mit diesen Kleidern aufs Pferd zu klettern? Richtig geraten: nein, sind sie nicht. Wieder haben wir eine eigene Reit- und Jagdkleidermode. Und wie sieht die wohl aus?
Wieder richtig geraten: wie die Jagdkleidung der Herren. Also wieder mal praktische Farben, praktische Materialien, zurückhaltende Verzierungen; wenig oder keine Spitze. Die Schnitte sind weit entfernt von den Kleiderschnitten; sondern die nun schon altbekannte Dreierkombination aus Justaucorps (nun aber deutlich knapper, taillierter und kürzer als im Barock), Weste und knöchellanger Rock. Unter den Rock kommen seitliche Pads – es könnte ja mal sein, dass man vom Pferd runtersteigt, und dann soll einen keiner ohne die modische seitlich ausladende Rockform erwischen. Und der Dreispitz ist natürlich auch wieder dabei, nun aber ebenfalls deutlich kleiner und bei trés elegantes dames (wir würden heute „fashion victims“ sagen) nur noch als kleines Alibi-Hütchen auf der Frisur befestigt.

Modefalle : die Spitzenjabots sind NICHT extra um den Hals gebundene Lätzchen aus gerüschter Spitze, sondern ein am vorderen Schlitz des Hemdes rüschig eingesetzter Spitzenbesatz, der dann wasserfallartig übereinanderfiel. Je weiter wir zum Ende des 18. Jahrhunderts kommen, desto eher ist dieses Jabot auch bei Adelskleidung nicht aus Spitze, sondern aus dem feinen Leinenbatist des Hemdes gefertigt.

 

Empire (Beginn des 19. Jahrhundert, bis in die 1820er Jahre)

Das plüschige Rokoko ist tot, es lebe die klassische Antike! Diesem Motto getreu trugen die Damen immerzu leichte, weiße „Hemdkleider“, die Chemisen, so wie man sich die antike griechische Mode halt von den Marmorfriesen und –skulpturen so vorstellte. Heute wissen wir, dass diese quietschbunt gewesen waren, bevor Wind und Wetter den weißen Marmor freilegten, aber das ahnte man vor zweihundert Jahren nicht, und so verkühlte sich eine ganze Generation modebewusster Damen fast zu Tode im Banne der Antikensehnsucht. Die Kleider waren aus feinsten weißen Batisten, und lediglich farbige Überkleider und kurze Spenzerjäckchen boten etwas Schutz vor Ein- und Durchsicht und dem Erfrierungstod.
Und diese Mode machte auch vor der reitenden Dame nicht Halt. Es wurden tatsächlich auch zu Pferde die gleichen leichten Kreationen getragen wie auf dem Boden; gegen das Herumflattern durch weiter oben beschriebenen Riemen gesichert. Die langärmligen Jäckchen waren gerne fantasievoll „a la Hussarde“ dekoriert und sollten den schneidigen Schick dieser Haudegen-Reitertruppe auf die modebewusste reitende Dame übertragen.

Im Empire zeigte sich übrigens erstmals der Wechsel der Vormachtstellung in Mode und Geschmack von Frankreich nach England. Die Engländerinnen, bereits im vergangenen Jahrhundert wesentlich vernünftiger in puncto Kleidung als ihre französischen Cousinen, machen diese exaltierte Mode in deutlich abgeschwächter Form (als „Regency“) mit. Dem englischen Pragmatismus sowie dem englischen Dauerregen Rechnung tragend, waren die Stoffe und Schnitte dieser Kleider wesentlich wetterfester als der kontinentaleuropäische Flatterkram.

Sehr gute Eindrücke davon bekommt man in den historisch sehr getreuen BBC-Verfilmungen der Jane-Austen-Romane.

Modefalle: Wer Empire/Regency darstellen will, muß sich leider von der Taille verabschieden – unbedingt vorher mal mit einem billigen Musterkleid ausprobieren, bevor man das teure Kostüm schneidert. Reiterlich hat die Empiremode wohl eher anekdotischen Wert…

 

19. Jahrhundert (Biedermeier, Krinoline, Historismus/Gründerzeit)

Das Jahrhundert der Damensattelreiterinnen! Reiten wird Breitensport! Und der Abschied von Prunk und Farbe wird endgültig… Nachdem es noch einigermaßen spannend und originell im Empire losgegangen war, wurden die Reitkleider nun zunehmend dunkel und mehr und mehr dem modernen Reithabit ähnlich. Es gab immer eine weiße Bluse zur meist dunklen Jacke-Rock- Kombination und einen Hut; lediglich die Form dieser Elemente variiert.

Und die Form wurde damit zum wichtigsten Utensil, um „schick“ von „Sack“ zu unterscheiden. Topaktuelle Silhouette und Details, edelste Tuche und ein absolut tadelloser Sitz waren nun die Prüfsteine, an denen sich die modebewusste Reiterin messen lassen musste.

Da diverse Bilder und Originalschnitte aus Modezeitschriften erhalten sind, lässt sich in diesem Jahrhundert wirklich problemlos aus jeder erdenklichen Modeströmung ein passendes Reitkostüm recherchieren:
Vom Biedermeier ausgehend, erweiterten sich die Röcke in der Krinolinenzeit (ca. 1865) immer mehr und die Taille wurde zunehmend immer zierlicher geschnürt, die Jacken endeten in kleinen Schößchen. Die Röcke zum Reiten wurden bauschig, mit Unterröcken und in deutlicher Überlänge getragen – im Gelände definitiv nicht ungefährlich.

Zum Jahrhundert-Ende hin wurden die Jacken immer schmaler unterhalb der Taille, bis hin zur lang ausgezogenen Form der „Küraß-Taille“, die wie eine Kürassier-Rüstung die Trägerin von der Taille bis zu den Hüften umschloss. Auch die Röcke verloren deutlich an Volumen und Länge und es wurden echte Reitröcke entwickelt mit komplizierten Schnitten, die zwei Ausbuchtungen besaßen und so einen faltenlosen Sitz des Rockes über den Sattelhörnern ermöglichten. Aus diesen Jacken und den zugehörigen Röcken entwickelte sich bis in die 1920er Jahre dann der moderne Habit; auf Reitschürzen mussten die Amazonen allerdings nicht ganz so lang warten, die ersten gab es in England bereits vor der Jahrhundertwende.

Modefalle: Schon aus dem Rokoko, aber ganz besonders aus dem 19. Jahrhundert sind eine Fülle an Originalschnitten überliefert. Die Schnittführung war in den Epochen vor dem 20. Jahrhundert deutlich anders als unsere heutigen modernen Konstruktionstechniken, teilweise wurden Körperproportionen auch ganz bewusst verändert und verfälscht - insofern geht ein umfunktionierter moderner Schnitt leider nicht, auch wenn er noch so gut gemeint ist!

Aber wie gesagt, es gibt ja die Originale!

 

Einige für ambitionierte Darstellerinnen sehr wichtige Meilensteine in der Kostümgeschichte

sollen hier nicht verschwiegen werden:

 

1828: Erfindung der Metallösen.

Schnürungen an allen historischen Kostümen vor diesem Datum werden durch im Knopflochstich gestickte Nestellöcher geführt!

 

1885: Erfindung des Druckknopfes, 1903 wird er erst serienreif.

Alle historischen Kostüme vor diesem Datum werden gehakt oder geknöpft!

 

1913: Erfindung des ersten funktionsfähigen Reißverschlusses (das Modell “Plako Fastener” der Firma “Automatic Hook and Eye Company”).

Alle historischen Kostüme vor diesem Datum werden anders geschlossen! Auch an versteckten Stellen!

 

1951: Erfindung des Klettverschlusses („Velcro“)

Alle historischen Kostüme vor diesem Datum müssen ohne ihn auskommen!

 

1980er: Erfindung des bi-elastischen Pannesamtes

Samt gibt es schon seit dem 13. Jahrhundert, auch gepresste „Spiegel“- oder „Panne“-Samte sind historisch, aber der unkaputtbare Vollpolyester-Elastiksamt NICHT.

 

… und noch ein Wort zur historischen Kleidung der Pferde:

Generell war das Pferd genauso dem Zeitgeschmack entsprechend ausgestattet wie seine Reiterin.

Beim Körperschmuck des Pferdes geht die Bandbreite von diversen reichgeschmückten Vorder- und Hinterzeugen in Mittelalter und Renaissance, über schleifenverzierte Zaumzeuge und Mähnen sowie tressenbesetzte Brokatschabracken in Renaissance und Barock bis hin zu dem unserem modernen Equipment vergleichbaren, schlichten Lederzeug des 19. Jahrhunderts.

Der kreativen Phantasie sind besonders in den frühen Jahrhunderten wenig Grenzen gesetzt - man sollte sich aber auf alle Fälle an historischen Abbildungen orientieren statt überbordende Eigenkreationen zu entwickeln. Weniger, und dafür qualitätvoll, ist hier sicherlich meist mehr.

Was aber machen wir mit unserem Reitzaum, an den das Pferd gewöhnt ist, weil es damit täglich gearbeitet wird? Gute Nachricht: sooo unhistorisch ist der gar nicht, zumindest der Basiszaum als solcher. Was heißt, dass auch für eine Barock/Rokokodarstellung nicht umgehend sofort ein kostspieliger Barockzaum hermuss.

 

Modefalle : Das Hannoversche Reithalfter ist definitiv eine Erfindung des 19. Jahrhunderts, das Kombinationshalfter ist noch mal gut hundert Jahre jünger, ganz zu schweigen vom flaschenzugartigen schwedischen Reithalfter. Ein authentisches Bild für die meisten Epochen ergibt entweder ein „nackerter“ Kopf, oder aber ein englisches Reithalfter, und auch die spanischen Zäume sehen heute noch so aus wie vor 250 Jahren - sie haben zudem noch den Vorteil, dass ihnen meistens historisch korrekt der Kehlriemen fehlt.

Übrigens, wirklich historisch wäre in den Epochen vor dem 19. Jahrhundert eigentlich nur das einhändige Reiten auf blanker Stange, während das reine Trensenreiten hingegen eine englische Erfindung des 19. Jahrhunderts ist, aber das führt dann natürlich wirklich zu weit…

 

Zuguterletzt:

Erschreckt? Muß denn Reiten im Kostüm wirklich so kompliziert sein?

Keine Bange, das ist es gar nicht! Wenn man sich erst einmal ein bissel einliest und in „seine“ Lieblingsepoche versenkt, dann gewinnt so ein Projekt ganz von alleine zunehmend an Fahrt und Eigendynamik, versprochen! Und dafür, dass wir Reiterinnen uns täglich stundenlang um das Perfektionieren unserer Reitkunst bemühen, haben wir es auch verdient, dass wir in einem ebenso tadellosen Erscheinungsbild vor unser Publikum treten.

Der himmelweite Unterschied zwischen historisch angehauchten „So-tun-als-ob“-Kostümen und einer guten, authentischen historischen Kopie fällt auch einem unvoreingenommenen Zuschauer sofort ins Auge.

 

Und wenn dann ein harmonisches Bild entsteht aus einem gelösten, durchlässigen, am Seidenfädchen gerittenen Pferd mit einer Reiterin, die im exakt angepassten, schwer fallenden, bis ins Detail stimmigen Reitkostüm, selbstbewusst und vor allem kokett bis strahlend lächelnd über den Platz schwebt – dann erwischen sowohl Zuschauer als auch die Reiterin selber ein Zipfelchen von dem, um das es hier geht: Geschichte.