Offener Brief an alle Damen des Vereins "Reiten im Damensattel" RID

 

Mes chères Amies,

 

die honorable Présidente der preußischen Assemblée de la Selle des Dames bat mich, aus meiner Sicht ein paar Worte über die „Taille“ zu verlieren - was ich sehr gerne machen will; worüber wüsste ich wohl besser Bescheid als über diesen Dreh- und Angelpunkt der wahrhaft weiblichen Silhouette. Und vor allem , wer wüsste darüber wohl besser Bescheid als eine Dame der - ich darf wohl sagen - Haute Volée des noch jungen zwanzigsten Jahrhunderts?

 

Wenn ich mich kurz vorstellen darf: mein Name ist Eleonore Aimee de la Charette, und wenn ihr, liebe Freundinnen, wissen möchtet, wie ich aussehe, dann werft einen Blick auf das Bild, das kürzlich, wir schreiben den Herbst des Jahres 1904, ein Freund von mir mit einem dieser neumodischen Apparaturen gemacht hat (ach, die Woge der Erfindungen schwappt ja täglich höher und höher in dieser modernen, schnellebigen Zeit!): Es zeigt mich von - pardonnez-mois- hinten auf meinem treuen Hannoveraner „Géneral“, im Gespräch mit meiner Busenfeindin Baronin Lichtenfeld. Madame hat - fi donc!- vor ein paar Monaten den Sattel mit der Calèche vertauscht (genauer, hier ist es eine zugegeben sehr schicke Gig) und braust nun à la mode, die wilden Renner eigenhändig mit den zarten Händen gebändigt, in mörderischem Tempo durch Berlins Straßen. Heutzutage neigen ja mehr und mehr Damen dazu, auf diesem lebensgefährlichen Weg ihre Indépendance zu beweisen und geben das auf, was eine Reiterin auszeichnet: Anmut und Grazie.

Außer, dass man größere Hüte tragen kann, kann ich dem Fahrsport nun wirklich nichts Positives abgewinnen; zudem verursacht er einen unliebsamen Aufbau von Muskulatur in den Armen, der im tiefdekolletierten Abendkleid wirklich schauerlich zutage tritt - welcher Herr möchte schon so eine missgestaltete Kutschbock-Amazone zum Tanze führen, deren Diamantcollier in der Manier einer Berg- und Talbahn über die Buckel ihrer Ringerschultern hoppelt…?

 

Aber ich schweife ab, kann das sein? Wir wollten uns doch der Taille zuwenden!

Dieser allerweiblichste Teil unserer Anatomie, der Schwung in der Stundenglasform unserer Silhouette, der Inbegriff der weiblichen Kurvatur - er ist, so hörte ich von ma chère Présidente zu meinem nicht unerheblichen Schrecken, in eurer Zeit so ziemlich in Vergessenheit geraten! Quelle Malheur!

So will ich denn mal eine Lanze brechen für dieses Naturschauspiel, das für uns Damen der elegantesten Ära der Menschheitsgeschichte so überaus wichtig war (und noch ist), dass wir bereit waren, wahre Höllenqualen zur Erlangung der „taille absolutissimé“ zu ertragen.

 

Laßt mich kurz plaudern über die Helfer der Formgebung, die über viele Jahrhunderte schon uns modebewusste Frauen begleiten - die Korsette. Haben sie in der Renaissance einen umgekehrten Kegel aus dem Oberkörper ihrer Trägerin geformt, so drückten sie im Barock und Rokoko unsere zarten poitrines als appetitliche Kugeln ans Tageslicht. Die Grande Révolution befreite uns kurz von ihnen, aber dann schlug ihre wirkliche Stunde. Mit einer Métamorphose, zu der sie offenbar heimtückisch die Puppenruhe des korsettlosen Empire genutzt hatten, meldeten sie sich erbarmungslos zurück: aus der Gerade hatte sich die Kurvatur entwickelt, aus dem Kegel die Taille.

 

Was gab es nicht im Laufe der Èvolution während des vergangenen Jahrhunderts an Marterinstrumenten für die dames elegantes! Die Taille wurde mit Hilfe von haltbarer Leinwand, viel Fischbein, kräftigen Schnüren und noch kräftigeren Kammerzofen schmaler und schmaler gezogen! Als das ein natürliches Ende hatte (weniger als zwei Hände ist einfach für eine normale Frau auf Dauer nicht ohne unentwegte Ohnmachtsanfälle zu überstehen, und irgendwann musste Madame ja auch Zeit haben, dem Hauspersonal Anweisungen zu geben, oder hingerissen zu lauschen, wenn der Gatte geruhte, ihr aus der Zeitung vorzulesen - nur Nachrichten, die ihre zarten Nerven nicht strapazierten, naturellement), da wandte man sich den Hüften zu. Die corsets wurden verlängert, um auch die unterhalb der Taille liegenden Teile der Anatomie zu bändigen und zu formen - das gipfelte dann vor ein paar Jahren in der „sans ventre“-Linie, in der nicht nur la taille, les hanches, sondern le ventre und pardon, le dérriere (ihr würdet sagen le Popo) in einen Käfig von Leinwand und Eisenstäben gezwängt wurden.

Hier bekamen aber dann sogar die bislang so entspannten Orthopäden Bedenken - allesamt Männer, und demnach bislang reine optische Nutznießer der Korsett-Manie, ohne die zugehörigen Schmerzen erdulden zu müssen - und so erleichtert sich unser Schicksal seitdem zunehmend. Man munkelt sogar von trés faishonables corsets elastiques - wieder so eine neumodische Neuerung, die vermutlich genauso kurzlebig sein wird wie die schauerlichen formlosen Reformkleider…

 

Lés Amazones konnten sich malheureusement dem Korsett nicht entziehen, war doch einer der Hauptgründe, sich auf den Pferderücken zu schwingen, zu flanieren, renommieren und parlieren - und dabei ein Bild größtmöglicher Élégance abzugeben.

Doch naturgemäß mussten wir uns dabei auf Kompromisse einlassen, und so gab es immer schon eigens für das Reiten entworfene und angefertigte Reitkorsette die sich in einigem von den normal grausamen Eisernen Jungfrauen unterscheiden:

Sie sind zunächst einmal zum Brustkorb hin kürzer. Das hat zwei Gründe: zum einen ist das Atmen dann etwas leichter möglich, zum anderen ist es nicht nötig, les poitrines übertrieben weit dem Himmel entgegenzuheben - das Reitkostüm hat ja ein geschlossenes Jäckchen; man sieht die zwei Schmuckstücke dort ohnehin nicht.

Zu den Hüften hin sind sie ebenfalls kürzer - im Seitsitz benötigen wir schon eine gewisse Freiheit der Hüften, sonst müssten wir uns ja wie ein Mehlsack seitwärts über den Pferderücken legen. Und sie sind nur leicht versteift, mit einer deutlich geringeren Anzahl an Stäben, so dass wir unsere Taille durchaus zumindest einigermaßen geschmeidig bewegen können.

Trotzdem sind sie sehr effektiv; erinnert euch an die legendäre Elisabeth I. von Österreich („die Sisi“), die ihre Taille vor dem Ausritt auf 50 cm brachte. Derartig verpackt lächelnd zu Pferde zu sitzen und sogar Jagden zu reiten erfordert sowohl ein erhebliches Maß an Contenance als auch an übermenschlicher Courage - wahrhaft einer Kaiserin würdig!

1860:   1870:  1888:  1891:

Je sais, je sais - ich höre schon eure Einwände: das ist nicht nur ungesund, sondern viel zu gefährlich, bei uns modernen sportlichen Frauen kommt so etwas überhaupt nicht in Frage, Reitkorsette gibt es heutzutage nur noch im Gebrauch einer bestimmten Gruppe Menschen, die damit ihre nächtlichen Aktivitäten fantasievoll gestalten…

ihr habt ja recht.

Korsette sind zwar hervorragende Sitzverbesserer und ermöglichen so ziemlich jede Gangart und geregelte Bewegung ohne größere Probleme, aber sie waren schon immer gefährlich, wenn's mal "zur Sache" ging und das Damenpferdchen plötzlich zur feuerschnaubenden Drachenbrut mutierte. Und das gilt auch heute, hundert Jahre später, natürlich immer noch.

Aber dennoch: ihr ringt als Amazonen jahrelang um einen möglichst bewundernswerten Sitz auf dem Pferderücken - korrekt? Ihr trainiert eure chevaux ebenso jahrlang für eine möglichst harmonische Erscheinung, korrekt? Ihr nehmt ganz bewusst im überaus eleganten Seitsitz Platz, korrekt? Ja, warum nehmt ihr euch denn die einmalige Chance auf der Elegance letzten Schliff und tragt Säcke als Habit? Ist es denn nicht hinreißend, eine zarte Reiterin zu beobachten, die ganz mühelos einen temperamentvollen Halbtonner aus Fleisch und Blut dirigiert, den Jupe schmal anliegend oder leicht gebauscht, den Oberkörper aufrecht mit geraden Schultern und dazwischen die schlanke Kurvatur der schmalen Taille?

 

Bei Kurvatur fiele mir d'ailleurs noch eine topographische Problemzone ein, wenn ihr mit das kurze Abschweifen eben erlaubt: die markante, très féminine Ausbuchtung oberhalb der Taille.

Concéderement, ein wild wogender Vorbau ist ein Anblick, der bei dem männlichen Teil der Zuschauer nichts als helle Freude erzeugt (deshalb war ja auch die Kirche so sehr an der Bändigung dieses Gefahrgutes mittels Stahl, Fischbein und Leinwand interessiert), aber für den Eindruck damenhafter Élégance bei der Kür im Seitsattel ist er leider völlig déplacé.

Bei einer Dame piaffiert allerhöchstens das feurige Schimmelchen unter ihrem Allerwertesten, nicht aber exponierte Teile ihrer Anatomie, und deshalb solltet ihr darauf achten, eben diese auch sorgsam an die Kandare zu nehmen.

Meine Zeitgenossinnen und ich haben aus den oben beschriebenen Gründen dieses Problem nicht, wir sind ja im Mittelbau bestens gesichert und vertäut, aber bei euch wirken doch die physikalischen Kräfte von abwechselnder Schwer- und Fliehkraft recht ungezügelt. Ich habe mir aber sagen lassen, dass es auch bei euch Möglichkeiten gibt, den allzu eigenwilligen Bewegungsdrang eurer Oberweite erfolgreich Einhalt zu gebieten. Achtet beim Kauf eurer nächsten Lingerie darauf, dass sie auch diesen gesteigerten Anforderungen entspricht (ich sehe euch schon alle demnächst im Magasin du Dessous in der Umkleidekabine spärlich bekleidet hektisch auf- und abhüpfen - erklärt das lieber vorher der Verkäuferin…)

 

Aber zurück von der Dynamik der poitrines zur Statik der Taillenkurvatur: Ihr hättet es doch auch ohne Korsett so leicht, diese ideale Form zu erreichen! Ihr seid vraiment im Gegensatz zu uns Damen der vergangenen Jahrhunderte alle très sportif, euer Bauch ist flach und keine „love handles“ stören das Bild. Es reicht doch, wenn ihr euren Habit passend und veritablement ajusté an eure Maße anlegen lasst, und schon erlebt ihr und eure begeisterten Zuschauer einen Quantensprung an oben zitierter Anmut und Grazie!

 

Mit diesem flammenden Appell seid cordialment umarmt und gegrüßt von Eurer

Eleonore Aimée de la Charette