Gespräch von Jeanne Antoinette d'Estelles, Marquise de Pompadour (P)

und

einem ungenannt bleiben wollenden Höfling vom Hofe des Sonnenkönigs Louis XIV. (H)

über

MODE DER GALANTEN JAHRHUNDERTE

Madame lebte bekanntlich in der Blüte des 18. Jhdts, und damit des Rokoko;

Monsieur hingegen kann mit Kenntnissen über die Mode des ausgehenden 17. Jhdts aufwarten.

Lieber Leser, entschuldigen Sie bitte, dass die zum Text gehörigen

Bilder der Laterna Magica noch nicht geladen sind, sie folgen in Kürze.

 

Zeremonienmeister : Mesdames et Messieurs, darf ich um Eure Aufmerksamkeit bitten für Monsieur de..., Höfling am Hofe Louis XIV., des Sonnenkönigs und für unsere Gastgeberin, Madame Jeanne Antoinette d'Estelles, Marquise de Pompadour, Maitresse en Titre von Louis XV.

P: Sehr geehrte Damen und Herren, Cheres Mesdames et Messieurs, hochverehrte Kavaliere und Schönheiten – Monsieur de... und ich möchten Euch nun einen hoffentlich unterhaltsamen kleinen Einblick in die Mode der Galanten Jahrhunderte geben. Ich habe öfters beklagen hören, die Mode der Jahrtausendwende sei verrückt – seht euch an, was es vor zwei oder drei Jahrhunderten gegeben habt und urteilt dann selbst.

 

H: Beginnen wollen wir im Age d'Or, in der Epoche meines hochverehrten Herrn und Königs Louis XVI. Als er die Regierung übernahm, war das 17. Jahrhundert schon zu Hälfte vorüber und der brave Pourpoint (das ist das Wams) der Spanier hatte bereits eine interessante Entwicklung hinter sich...

 

P: Doch damit ihr es wirklich anschaulich habt, möchten wir vor euren Augen einen Herrn einkleiden, so wie es der König in den Tagen seiner stürmischen Jugend zu tun liebte. Rufen wir nun also unser Modell heran, den Herrn im Hemde – Monsieur Charles Maurice de Pastinak.

 

H: Ihr seht ihn, wie er zu Beginn des morgendlichen Levers aussehen könnte mit seinem Hemd aus feinsten Batist, geschmückt mit Venezianischen Spitzen. Unter diesem Hemde trägt er eine Unterhose, die es für Sommer du Winter in zwei verschiedenen Ländgen gab. – Diese ist das Sommermodell.

 

P: Der Herr hätte nun übrigens eine Allongeperücke nötig (in Deutschland hieß man sie „Lappen“, das mag wohl auf die Grazie hindeuten, mit der sie getragen wurde...) – aber er weigerte sich doch tatsächlich, sich den Kopf rasieren zu lassen.

 

H: Dabei ist das doch so nützlich der ganzen kleinen Tierlein wegen, die so Haare und Kleidung eines Kavaliers zu bevölkern pflegen – wenn es zuviel krabbelt und juckt, wechselt man einfach die Haare und kann in der abgelegten Mähne ganz bequem gegen das Gewürm zu Felde ziehen.

 

P: Ich weiss nicht, ob es euch Gäste interessiert, aber ich könnt euch da ein Mittelchen verraten, das wirkt ganz unfehlbar...Ihr nehmt ein kleines Pelzlein und hängt es an einer Kette unter euer Kleid, das wird die Krabbler schon anlocken, heißt es doch nicht umsonst Flohpelz. Allerdings gibt es auch gar kunstfertige Fallen, die ihr mit Honig oder Blut füllen müßt und in eurem Dekolleté versenken, die sollen ganz besonders wirksam sein. Oder ihr begebt euch in die Gesellschaft einer wahren Jungfrau, die stechen die Flöhlein besonders gerne, dann werden sie von euch ablassen. Oder...

 

H: Nun aber zurück zu unserem inzwischen sicherlich schon leicht verfrorenen Monsieur de Pastinak.

 

P: Oh verzeiht, ich vergass Euch doch fast, bitte bringt also das erste Kleidungsstück: Die Hose – sofern dies Ding den Namen Hose überhaupt verdient.

 

H.: Nun, das ist in der Tat ein überaus interessantes Kleidungsstück, sie ist pro Hosenbein bis zu zweieinhalb Ellen weit (das sind 1,80m in eurer Rechnung). Es kam durchaus vor, dass ein so Behoster und etwas Zerstreuter erst Abends beim Ausziehen bemerkte, dass er den ganzen Tag über mit beiden Beinen in einem Hosenbein herumstolziert war, wie der weitgereiste Samuel Pepys in seinen Geheimen Tagebüchern zu berichten wußte. Diese Hosen tragen den stolzen Namen Rhingraves oder auf Deutsch Rheingrafen nach dem Rheingrafen von Salm, der sie als holländischer Gesandter am französischen Hof eingeführt hat.

 

P: Na, da sieht man doch, was dabei herauskommt, wenn die Holländer versuchen, Mode zu machen...

 

H.: Allerdings kann ich nicht behaupten, dass das, was die Franzosen dann dazu kombiniert haben, soviel besser ist – man bringe den Pourpoint!

 

P: Ihr seht, überall hat man soviel wie möglich von der Jacke abgeschnitten, damit möglichst viel vom Hemd zu sehen ist. Davon blieben auch die ohnehin schon merkwürdigen Beinkleider nicht verschont – Hose und Jacke rückten immer mehr auseinander. Das führte dazu, dass besonders modische junge Männer ständig in Gefahr liefen, ihre Hose zu verlieren...Na, immerhin besser als den Kopf...

 

H: Diese Schleifenchen – man hatte bis zu 600 davon an einem Anzug - waren sehr en vogue – man nannte sie petites oyes „Gänschen“.

 

P: Nun, ich habe mir sagen lassen, dass die Männer sich heutzutage auch mit Gänschen schmücken, allerdings sind diese blond und haben zwei Beine...

 

H: Ha, ha, Madame. Sie sollen übrigens eine Erfindung unseres Sonnenkönigs sein, der damit den kurz vor dem Zusammenbruch stehenden Handwerkszweig der Schleifchenmacher wieder zu Aufschwung verhalf. Er war auf diese neckischen Verzierungen sehr stolz.

 

P: Ach herrje, stolz... na ja, kein Wunder, wenn man bedenkt, wie er als Kind so gekleidet war... bitte, zeigt einmal das erste Bild aus der Laterna Magica: - Applaus für den mutigen HofLaterneur, der dieses Wunderwerk der Technik zu bedienen weiss!   Im Übrigen, schaut euch einmal die Ähnlichkeit zum erwachsenen Louis an, die ist doch wirklich frappierend... (Bild )

 

H.: Ah, ich sehe, was Ihr meint, Madame, aber das Mädchenkleid für die kleinen Jungen ist doch noch bis in eure Zeit üblich, auch euer geliebter König Louis IVX war nicht besser dran, obwohl er doch der Urenkel des vierzehnten Louis war – bitte das nächste Bild :

 

P: Nun lasst uns aber den Schuhen zuwenden, die verdienen doch noch einiges Interesse.

 

H: Oh ja, die Absätze wurden höher und höher und – je eleganter man sein wollte, desto schräger waren sie auch.

 

P: Ja, konnte man denn darauf überhaupt laufen auf diesen wackeligen Stelzen?

 

H: Nicht wirklich, deshalb kam die Mode der Spazierstöcke auf. Damit schafften es die eleganten Herren, nicht Opfer der mangelhaften Statik ihrer Schuhe zu werden und ganz einfach unelegant hinzukollern.

 

P: Aber natürlich gab es die Spazierstöcke nicht bei den Damen, die bedauernswerten Geschöpfe, die diese mörderische Mode mitmachten, ohne dass man ihre Schuhe überhaupt jemals zu Gesicht bekam unter ihren langen, weiten Röcken. Tja, und diese Damen fielen dann in der Tat öfters ganz einfach um. Es gibt hierzu ein köstliches Zitat aus einem Brief Liselottes von der Pfalz (für mich übrigens eine der informativsten Quellen über das wahre Leben am Hofe des Sonnenkönigs mit ihren frechen, respektlosen und überaus komischen Briefen – insgesamt sollen es 60.000 gewesen sein – aber ich schweife ab) Hören wir also Liselotte:

„ erstlich, so kann ich niemandts, wer es auch sein mag, fallen sehen ohne lachen; wenn ich selber fall, muss ich lang lachen, ob ich mich gleich weh tue. Als unsere Königin letztens fiel, lief ich gleich weg. Sie trug gar hohe Schuh, fiel oft und sagte allemal: „Ah je suis tombé“ (Oh, ich bin gefallen“), das konnte ich nicht hören ohne Lachen, lief also geschwind weg in eine andere Kammer.“

 

H.: Dies war also ein kurzer Exkurs über die Herrenmode des frühen Hochbarock. Nachher wurde die männliche Bekleidung leider viel langweiliger. Aus der desertier-sicheren Bekleidung der Soldaten (man konnte sie damit überall leicht erkennen, fast wie gestreifte Sträflingskleidung) wurde der Justeaucorps übernommen, den Ihr, werte Gäste hier an uns allen seht, den ihr selber fast alle tragt und der sich als Jackett bis in eure Tage erhalten hat.

 

P: Das einzige, was am Justeaucorps interessant ist, ist die kurze Hose, die Culotte. Sie führte dazu, dass man geradezu Schönheitskonkurrenzen in der Form der Waden veranstaltete, und wen die Natur denn nur mit Stäbchenbeinen ausgestattet hatte, der hatte es schwer, einen tiefen Eindruck bei seiner Angebeteten oder der zukünftigen Schwiegermutter zu hinterlassen. Da das aber nun überaus wichtig ist, wie ihr sicherlich wisst, gab es Helfer – künstliche Waden von herrlicher Idealform, die zu den eigenen Beinen in den Strumpf geschoben wurden.

Ab sofort als keine Spöttereien mehr, meine Herren, über die Versuche, eurer Damen, ihre Vorderfront mittels verschiedenartigster Zug- und Hebetechniken dem gnadenlosen Zug der Schwerkraft zu entreissen – ihr habt es schon viel toller getrieben

 

H: Chere Madame, Ihr gebt das Stichwort - wenden wir uns also der holden Weiblichkeit zu. Bitte unser Modell!

 

P: Wir zeigen eine Dame des Spätbarock, da diese Mode prägend war für die Damenmode der Epochen danach.

 

H: Ihr seht das spitzenverzierte Unterhemd, verehrte Gäste und das überaus bequem erscheinende Korsett. Da die Mädchen schon von frühester Kindheit an darin eingeschnürt wurden, nahmen die Knochen ihres Brustkorbes   die modische kegelförmige Gestalt an, in die sich keine eurer heutigen Frauen mehr schnüren lassen könnte.

 

P: Ab dem 17 Jahrhundert wurde diese metallverstärkte Spitze sogar verstärkt durch einen Eisenreif, der die gesamte Brust umspannte. Es wurde berichtet, dass sich ein Kavalier, der sich dieser Panzerung auf unziemliche Entfernung näherte, fühlte wie der heilige Laurentius.

 

H: Zur Erklärung: Dieser Heilige wurde auf einem Rost gegrillt.

 

P: Von einer der so geplagten Damen stammt der Ausspruch: Eitelkeit kennt keinen Schmerz...  

 

H: Seit dem 17. Jahrhundert trugen die Herren der Schöpfung übrigens ebenso wie die Damen ein geschnürtes Korsett – über 100 Jahre lang mussten sie also auch zumindest etwas leiden im Dienste der Schönheit.

 

P: Unterhosen wurden fast nicht getragen. Nachdem Katharina di Medici sie kurzzeitig in der Renaissance eingeführt hatte, waren sie von der Kirche als „unbescheiden und unangebracht“ bezeichnet worden und verschwanden wieder. Allenfalls trugen die Damen Unterhosen zum Reiten und ansonsten gab es sie nur bei bei den anstößigen Schauspielerinnen und Kurtisanen.

 

H: Ich erinnere mich -   Schaukeln war sehr beliebt, da insbesondere der An-Schaukler in den Genuss ansonsten verwehrter Einblicke kam...

 

P: Erst im 18. Jahrhundert fassten sie langsam wieder Fuss. Es gab die berühmten „Smock Races“, bei denen junge Mädchen, nur mit kurzen Hemden und „Drawers“ bekleidet (alle auch noch in verschiedenen Farben) um den Preis eines besonders kostbaren Hemdes um die Wette rannten.

 

H: Die Materialien für die Unterwäsche waren übrigens nur Leinen oder Seide, da bekannt war, dass die kleinen Pediculi, die ihr Läuse nennt, in diesen Kleidungsstücken weniger gerne nisten als in Wolle.

 

P: Sie war auch schwer parfümiert, um über die weniger erwünschten Gerüche ihres Träger hinwegzutäuschen.

 

H: Solltet ihr einem der Herrschaften besonders des Barock begegnet sein, ihr hätte euch vor Begeisterung über die Qualität und Schönheit seiner spitzenverzierten Unterbekleidung nicht fassen können – seinen Anblick allerdings nur aus einer bestimmten Entfernung ertragen...

 

P: Nun aber zu unserer Dame: Sie trägt mehrere Unterröcke: La Secrete (der Heimliche), la Modeste (der Bescheidene) und darüber la Friponne (der Schalkhafte, In Deutschland hiess er „Appetitröckchen“). Überdeckt wurden sie von einem Jupe de dessus (Überrock), der vorne geschlitzt war und auch Manteau (Mantel) genannt wurde.

 

H: Diesen Manteau elegant hochzuraffen und an der hinteren Taillennaht hochzustecken war eine Wissenschaft, die ihrem geistigen Anspruch der Leibnizschen Monadentheorie an der Universität zu Frankfurt in nichts nachstand. Seine Länge war übrigens abhängig vom Rang der Trägerin – drei Ellen bei einer Herzogin (das sind 2,40 Meter) neun Ellen bei der Königin (das sind 7,20 Meter). Verständlich, dass die eleganten Damen sich bei jedem Schritt von Pagen begleiten lassen mussten, die ihre hinderlichen Stoffmassen hochhalten mussten.

 

P: Der Unterbau veränderte sich mit der Zeit. Zunächst wurden kleine Leinenkissen auf den Allerwertesten gelegt, um einen schöneren Popo zu formen, dann stützte man die Röcke mit weidenrutenverstärkten Unterrock-Konstruktionen aus Wachstuch. Ihr könnt euch das Gequietsche und Geknarre dieser Ungetüme vorstellen, liebe Gäste, deshalb nannte man sie auch „Criardes“, Kreischerinnen. Im Dienste der geplagten wehrlosen Ohren erfand man aber schnell leichtere Modelle mit Fischbeinverstärkung – eine Mode, die später ganze Walfangflotten ernähren sollte.

 

H: Der im Rokoko zunächst runde Reifrock (er hiess Panier oder in Deutschland respektlos „Hühnerkorb“) entwickelte enorme Ausmasse und wurde beim Gehen vor und zurück bzw, seitlich gewippt (wie ein Kritiker schreibt, bis ins Gesicht der unschuldigen Passanten).

 

P: Es gibt die Beschreibung einer Begegnung der unseligen Art, die lautet wie folgt:

Aus einer Schafherde auf dem Weg zur Schlachtbank entkam ein alter Schafbock, der volle Kanone auf den Gehweg rannte, wo seinen Hörner sich sofort im Reifrock einer feinen Lady verfingen, die diesen, wie es Mode war, an einer Seite hochgehalten hatte. In ihrem Schreck liess sie den Reifrock herunterfallen (auf den Schafbock).

Sie versuchte zu rennen – er, sich zu befreien; sie qiekte, er bähte, und der Schäferhund bellte. Bums fiel die Lady hin und die Menge des Mobs brüllte vor Vergnügen.

Ihr Kleid und ihr Unterrock, welche vorher gelb waren – die Farbe, die jetzt so sehr in Mode ist, waren nachher barbarisch mit einem Muster aus Schlammbraun verziert.

 

H: Der Unterbau verbreiterte sich zur Jahrhundertmitte immer mehr. Es war eine Mode, die eingeführt wurde durch die italienischen Theaterschauspielerinnen am französischen Hof, da durch die breiten Röcke die kostbaren Stoffe ihrer Bühnenkostüme besser zur Geltung kamen – wie auf einer Plakatwand sozusagen.

 

P: Die Röcke   - man nannte sie Panier à coudes, also Reifröcke für die Ellenbogen -erreichten enorme Ausmaße – wie das das nächste Bild der Laterna Magica zeigt – eine Hofrobe der Prinzessin Louisa Ulrica von Schweden. Das Weekly Journal beschrieb das Aussehen einer solcherart gekleideten Dame übrigens mit einem umgedrehten Trichter.

 

H: Es gibt viele entnervte Beschreibungen beispielsweise über die Schwierigkeiten, mit diesen Röcken in einer Kutsche Platz zu nehmen. Auch dann mussten die Damen sich vorsichtig seitwärts durch die Öffnungen fädeln, wenn sie nicht äußerst unelegant mitten im Eingang hängen bleiben wollten.

 

P: Alles in allem seht ihr, dass die herrschende Mode der Galanten Zeit in vielerlei Hinsicht äusserts unpraktisch war. Gradezu mörderisch wurde sie bei heissem Wetter.

 

H: Beide Geschlechter fanden ihre Kleidung inakzeptabel für grosse Hitze und so waren in Italien beispielsweise informelle abendliche Treffen in Mode, bei der die Herren alle lediglich leichte Nachtmützen und Nachthemden (und unter ihnen KEINE Unterhosen) sowie Pantoffeln trugen.

 

P: Die Damen trugen ebenfalls lediglich das Allernötigste:   Ihr Hemd, einen einzelnen Unterrock und – natürlich – das Korsett.

 

H: Ihr seht, die verschiedensten Moden waren en vogue – sie gingen übrigens alle von Frankreich als der unbestrittenen Modemetropole aus.

 

P: Verbreitet wurden sie seit Mitte des 18. Jahrhunderts durch die beiden Pandoren, das waren lebensgrosse Kleiderpuppen, die von Frankreich aus in die ganze Welt verschickt wurden. Die grosse Pandora war in eine Staatsrobe gekleidet, die kleine trug ein privateres Hausgewand. Manch ein geplagter Ehemann mag diese beiden Gestalten als wahrhaftige Pandora empfunden haben, wenn ihr Auftauchen bei seiner Angetrauten eine schier unerschöpfliche Pandora-Büchse der kostspieligen Wünsche öffnete...

 

H: Selbst zu Kriegszeiten waren sie die einzigen Passagiere, die im Feindesland ein- und ausgehen durften. Erst Napoleon verbot – und auch nur für kurze Zeit – ihre Reisen (sie waren natürlich zum Schmuggel militärischer Geheimnisse genutzt worden), aber bereits nach kurzer Zeit musste er sich den Forderungen der erbosten Modewelt beugen – die Pandoren gingen wieder auf Reisen, bis sie dann von der Erfindung der Modemagazine abgelöst wurden.

 

P: Nach soviel Kleidern nun zu den Frisuren ihrer Trägerinnen:

 

H: Nach recht moderaten Frisurenmoden zu Beginn der Regierungszeit unseres Sonnenkönigs (bitte das nächste Bild der Laterna Magica) kam auf einmal unsere wackere Liselotte von der Pfalz auf die Idee, ihre Haare abzuschneiden und mit einer Frisur aufzutauchen, die sich Hurluberlu nannte. Der Hof war erst ENTSETZT, lachte sich dann schief und taufte sie „Kohlkopf-Frisur“

 

P: Nachdem der Hof sich ausgelacht hatte, holten die Damen ihre Coiffeure und liessen sich ebenfalls Hurluberlus schneiden, wieder mal eine der kleinen rätselhaften Paradoxen in der höfischen Gesellschaft...

 

H: Im Reigen der Frisuren folgte dann die berühmt- berüchtigte Fontange.

 

P: Madame de Fontange, eine der Geliebten des Sonnenkönigs, hatte bei einem Jagdausflug Probleme mit ihrer Frisur, die sich löste, und sie band die widerspenstigen Locken kurzerhand mit ihrem -   - - Strumpfband hoch. Louis fand das entzückend (na ja, er war halt ein echter Mann) und die Frisur a la Fontange war geboren. Selbstverständlich mussten alle Damen des Hofes ihr Haar ebenso tragen und das taten sie auch mit Akribie. Darf ich den Maitre de Laterne Magice um das nächste Bild bitten ? Die Fontange war in ihrer Perfektion ein Geflecht von Locken über einem Drahtgestell, garniert mit einem Spitzenband und –häubchen. Sie war leicht nach vorne geneigt und ragte bis zur stolzen Höhe von einem halben Meter empor.

 

H: Und hier kommen wieder die vorhin erwähnten Türen ins Spiel – die mussten nämlich höher konstruiert werden, wollte man verhindern, dass die Damen in undamenhaft gebückter Haltung einen Raum weniger betreten als bekrabbeln würden.

Auch die Sänften mussten erhöht werden, damit die aufgeputzte Dame überhaupt zu Hofe gelangen konnte, denn an Laufen – das wisst ihr ja jetzt wohl, liebe Gäste – an Laufen war natürlich nicht zu denken.

 

P: Ja, und wie das mit Lieblingsgerichten ebenfalls so ist, man hat irgendwann einmal höflicherweise gesagt, dass man Griesspudding liebt, und nun bekommt man immer nur Griesspudding und möchte am liebsten laufengehen, wenn man noch einmal Griesspudding sieht –so ging's auch le pauvre Roi. Er fand die Fontange nach einiger Zeit grässlich, versuchte sie sogar zu verbieten, kam aber wie ihr sagt - aus der Nummer nicht mehr heraus. Die Mode und modebewusste Weiblichkeit waren tatsächlich stärker als „L'etat c'est moi“ – die Damen ignorierten ihn und trugen zu seinem Verdruss weiterhin fröhlich ihre Drahttürmchen spazieren.

 

H: Aber auch das ging vorbei und mehr oder weniger kurze Löckchen kamen in Mode, mehr oder weniger gepudert und aus mehr oder weniger eigenem Haar

 

P: Apropos pudern – liebe Gäste, wisst ihr, wie man eine Perücke richtig puderte? Sicherlich nicht. Man kleidete sich in eine Puderjacke, stellte sich in einen geschlossenen Raum, genannt das Puderkabinett, band eine Pudermaske vors Gesicht, atmete einmal tief ein und hielt dann die Luft an. Der Puder wurde von Dienern gegen die Decke geworfen und rieselte als feiner Schnee auf Perücke und Besitzer herunter.

 

H: Allerdings hatten nur Reiche die Echthaar-Perücken, die um die 1000 Taler kosteten – Bürgerliche behalfen sich mit Pferde- und Ziegenhaar- oder sogar Woll-Perücken.

 

P: Cher Monsieur de... , wenn ich mir das so betrachte, war aber dennoch die Kleidung und Mode in Eurer Epoche viel verrückter als bei uns, wir im Rokoko sind doch wesentlich vernünftiger.

 

H.: Ja klar, und ihr spielt im Park von Trianon mit parfümierten Schafen...

 

P.: Ja, was sollen wir denn tun, sollen wir sie etwa stinken lassen?

 

H: Madame, wie wär's wenn ihr ernst bleiben könntet? Und mit der Vernünftigkeit ist es auch in eurer Zeit nicht weit her – in welchem Jahr wurde denn die Belle Poule kreiert?

 

P: Nun, ihr mögt wohl recht haben, das war 1778.

 

H: Auch hierzu haben wir ein Bild der Laterna Magica.

Da hat ein Schiff mit Namen „Belle Poule“, also „Schöne Henne“ in einer Seeschlacht einen Sieg errungen – und was macht die ruhmreiche französische Nation zur Gloire des Seglers??? Setzt das Schiff auf den Kopf modebewusster Damen und lässt es über die Bälle und Feste segeln.

 

P: Und lässt den Namen des Schiffes als „Coiffure a la Belle Poule“ unsterblich werden. Sagt mir, cher monsieur, an den Namen welchen Schiffes aus welcher Seeschlacht erinnert ihr euch denn sonst so??

 

H: Ich gebe mich geschlagen, Madame.

Nachdem wir nun über Kleidung, Schuhe und Frisuren geplaudert haben - wollen wir denn noch etwas sagen zu den Accessoires der Mode unserer Jahrhunderte?

 

P: Oh ja, gerne. Mir fällt dabei das Stichwort Diamanten ein. Ihr, werte Gäste, kennt doch das Lied, Diamanten seien die besten Freunde des Mädchens – fragt dazu mal einen Herrn aus der Zeit des Sonnenkönigs, der würde eher seine Geliebte aufgeben als sich von einer seiner Diamantschnallen – broschen oder Knöpfe zu trennen.

 

H: Denkt nur beispielsweise an die berühmte Grande Parure des Sonnenkönigs, die er zu prunkvollen Empfängen anlegte: 191 Juwelenknöpfe, 396 edelsteinverzierte Ösen und 90 ebensolche Rockverschlüsse funkelten dann wie die versammelten Gestirne von Alpha Centauri im Kerzenlicht.

 

P: Ich erinnere mich gehört zu haben, dass dieser ganze Glitzerkram so schwer war, dass der König unter dem enormen Gewicht der Steine eine ganz krumme Haltung gehabt haben soll.

 

H: Das ist wohl wahr, Madame. Aber nicht nur der König -   alle, die es sich leisten konnten, trugen Diamanten-

 

P: Und die, die es sich nicht leisten konnten, erst recht-

 

H: ja, und das führte dazu, dass Edelsteine ungeheuer im Wert stiegen und tatsächlich knapp wurden

 

P: Und dass sich geschäftstüchtige Menschen mit der Fälschung ebendieser Preziosen beschäftigten...

 

H: ...von denen dann einer tatsächlich erfolgreich war – er schuf einen Diamanten aus simplem Glas. Man kennt ihn auch in Eurer Zeit noch – er hiess Monsieur Strass.

 

P: Neben diesem wertvollen Kleinkram gab es aber besonders in Eurem Age d'Or, cher Monsieur, ein ebenso wichtiges Accessoire, ohne das die elegante Dame niemals auftauchen durfte – der Fächer. Man brauchte ihn zur Luftzirkulation ebenso notwendig wie zum galanten Augenspiel – wenn ich recht überlege, war das vielleicht noch viel wichtiger...

 

H: Ja, eigentlich waren diese nützlichen kleinen Helfer Importe aus Italien. Man fertigte sie aus Peau de chevreux, aus dem weichen und feinen Ziegenleder.

Da Louis diese Importe verbot

 

P: er war, wie ihr sicherlich wisst, der Erfinder des Merkantilismus und Protektionismus und wollte, dass die Franzosen nur Produkte aus eigene Herstellung kauften – ein echter Europäer eben...

 

H: Da Louis also diese Importe verbot, stellte man sie in Frankreich in Ermangelung genügend grosser Ziegenherden aus Kalbsleder oder Schwanenhaut her.

 

P: Monsieur – die aaarmen Schwäne!

 

H: Ich weiss, Ihr würdet sie auch viel lieber parfümieren und mit ihnen spielen, wie mit den Schafen – nun ja, später kam man dann auch auf den Einsatz von Papier als Fächerblatt. Das Fächer gestell war bei der Elegants nach Möglichkeit aus Gold.

 

P: Ich weiss, alles war ja golden zu dieser Zeit... Goldener Schmuck, goldene Troddeln, goldene Spitze, Goldbrokate, Goldfäden in den Tapisserien aus den königlichen Werkstätten in Gobelin. Sehr praktisch übrigens für Louis, der für seine militärischen Unternehmungen jederzeit Gold requirieren durfte –--von überallher und von jedermann , ausser aus dem Besitz der Kirche. Und er durfte nicht nur, er tat auch, und das in grossem Umfang.

Er ging sogar so weit, kostbare Gobelin-Tapisserien erhitzen zu lassen, um die darin eingewobenen Goldfäden herauszuschmelzen...

 

H: Das gleiche geschah übrigens mit Silber – kunstvollste Silberschmiedearbeiten wie Tafelgeräte, Bestecke, Geschirre, Prunkmöbel – alles wurde eingeschmolzen und wanderte in die Münze.

 

P: Eine sehr moderne Einstellung zu den Dingen, ich glaube, ihr nennt sie Recycling– man könnte aber auch Vandalismus sagen.

 

H: Seht ihr, liebe Gäste, so kann man Staatsfinanzen auch aufbessern – und ihr beklagt euch heute über die Praktiken eures Finanzamtes.

 

P: Monsieur, seht ihr, beim Wort „Finanzamt“ sehe ich hier einen Gutteil der Herren erbleichen – ob das wohl mit ihrer Ehrlichkeit bei der letzten Steuererklärung zusammenhängt...? Nun, wie auch immer, das erinnert mich an ein weiteres wichtiges Thema der Mode besonders im Age d'Or des Sonnenkönigs – an das Schminken. Der Teint der eleganten Dame musste unbedingt bleich sein wie das Licht des Mondes. Dazu nutzte es nicht nur, den Parasol aufzuspannen, wenn man denn überhaupt an die frische Luft ging, nein, man trug dann auch noch überdies Gesichtsmasken, um die Haut vor der Sonne zu schützen. Da diese oft mittels eines Knopfes im Mund festgehalten wurden, kann man sich vorstellen, wie zuträglich das einer gepflegten Konversation beim Spazierengehen war – man wird von den Gesprächsbeiträgen der Dame nicht viel mehr verstanden haben als ein geisterhaftes Nuscheln und Schnuffeln hinter ihrer Maske – davon haben wir natürlich auch ein Bild mitgebracht.

 

H: Wer nicht blass genug war, half mit Schminke nach, und zwar „schmierte“, wie Liselotte von der Pfalz sagte, die höfische Dame nicht nur „weisse und rodte Sachen“ auf ihr Gesicht, sondern   - hören wir sie wieder selbst:

P: „Es ist nur zu wahr, dass sich Weiber bleue Adern haben malen lassen, um glauben zu machen, dass sie so zarte Häute haben, dass man die Adern sieht. Es ist auch wahr, dass jetzt weniger Leute schön sind als vordem, ich glaube, sie veralten sich mit ihrem Schmink.“

 

H: Leicht zu glauben, wenn man bedenkt, dass die Pasten und Cremes nur zu häufig aus dem giftigen Bleiweiss, der nicht minder giftigen Mennige und ebenfalls wenig gesundheitsfördernden Arsenverbindungen bestanden.

 

P: Um den blassen Teint noch stärker hervorzuheben, klebte man sich schwarze Schönheitspflästerchen, die Mouches, ins Gesicht. Je nach ihrem Sitz bekamen sie phantasievolle Namen, wie die Kokette (Lippen), die Kühne (Nase), die Majestätische (Stirn).

 

H: Im Namengeben war eure Zeit sowieso ganz gross, chere Madame. Ich denke da an die Namen für Farben, die gerade en vogue waren.

 

P: Oh, ihr meint so etwas wie Rinnstein, Londoner Rauch, Nönnchenbauch, Affenschwanz, vergifteter Affe und Sterbender Affe?

 

H: Ja, und beispielsweise die Spielarten der Flohfarbe „Puce“. Alter Floh, junger Floh, Flohkopf, Flohrücken Flohschenkel und so weiter...

 

 P: Cher Monsier, ich denke, wir haben die Gäste des Festes nun lange genug vom Parlieren, Flanieren und Poussieren abgehalten, wollen wir sie nach dieser anstrengenden Unterweisung jetzt also entlassen in ihre wohlverdiente Freizeit.

 

H: Ganz meine Meinung, chere Madame. Werte Gäste, nachdem ihr also nun gesehen habt, dass die wildesten Modephantasien eurer Modeschöpfer auch nicht verwegener sind als das, was schon Jahrhunderte vorher übers Parkett flanierte, wünschen wir euch nun noch einen weiterhin amüsanten Abend und danken ganz herzlich für eure Aufmerksamkeit.