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Um 1880-1900 . Frauen gehen auf die Straße und setzen sich zur Wehr gegen Unterdrückung und Bevormundung. Trotzdem dauert es noch eine Weile, bis sie sich von ihren Korsetten trennen werden. Im Augenblick möchten sie trotz aller gewollten Selbständigkeit doch nicht ihre Anmut und einen Hauch Koketterie verlieren.

Nachdem um 1860 die grösste Ausdehnung der Krinolinen erreicht ist, muss ein neuer Look her: sehr schnell schwellen die Röcke wieder auf ein Normalmaß ab. Als neue Extravaganz wird nun mehr und mehr das Hinterteil betont, zunächst durch bauschiges Hochraffen des Oberstoffes am hinteren Rockansatz, dann mit einem umgeschnallten Pad unterm Rock, und letztlich mit dem weiter ausladenden Metallgestell, das der Mode der "Tournüre" von 1869-1875 den Namen gibt.

Wo in Europa die Modemetropole angesiedelt ist, verrät schon der Name für diese Kreation: "Cul de Paris". Raffinierte Dekorationen, Rüschungen und Raffungen machen den zusätzlichen Schmuck der Kleider aus, Seide ist das bevorzugte Gewebe.

In den Jahren 1875-1881 findet ein modischer Bruch statt, bei dem erstmalig die Hüften der Frauen in den Vordergrund rücken: die sehr schlanke Kleiderform mit "Kürass-Taille" wird etabliert. Diese zwingt ihre Trägerin wieder einmal zu eiserner Disziplin beim Kalorienzählen, und (natürlich!) in ein spezielles Korsett, das die extrem schmale und langgezogene Taille sowie die Hüften in Form bringt.

Die nachfolgende Mode der "Zweiten Tournüre" (1882-88) behält die schmale Eleganz der Kürass-Taille bei, verlagert den wieder weiter gewordenen Rock jedoch erneut aufwärts-rückwärts. Die Tournüre sitzt wegen der verlängerten Taille jedoch tiefer als bei der ersten Tournürenzeit und erreicht Extrem-Maße (sie steht halbmeterweit horizontal ab und wackelt beim Gehen wie ein Entenpopo). Asymmetrischer Schnittverlauf und Dekorationen der Kleider werden modern, als auch diese Form nicht mehr absolut up to date ist .

Abgelöst wird dieser Look dann um 1899 wiederum von einer schmalen Kleiderform, von der "Sans ventre"-Linie (wieder ein neues Korsett, welche Überraschung), die die Trägein in hochgradig gesundheitsschädigender Form in ein künstliches Hohlkreuz zwingt.

Hier endlich meutern zunehmend Orthopäden und Frauenrechtlerinnen, und es werden im Gegenzug "Reformkleider" erfunden - zugegebenermassen recht unattraktive sackartige Gewänder, die sich deshalb auch nicht besonders durchsetzen.

Auch die ersten Frauenhosen ("Bloomers" nach ihrer Erfinderin Betty Bloomer) werden im Lager der Feministinnen erfunden und wirken durch ihre Ballonform leider recht unattraktiv - auch sie sind ein Modeflop.

Da Frauen zunehmend im gesellschaftlichen und beruflichen Leben aktiv werden, führt die Entwicklung gegen Ende des Jahrhunderts aber deutlich zu bequemeren, tragbaren Kleidungsstücken, meist getrennt in Rock, Jacke und Bluse. Sportbekleidung wird etabliert, und einige Jahre später in den goldenen Zwanzigen werden dann sowohl die lästigen langen Haare als auch die lästigen langen Rocksäume der Schere zum Opfer fallen.